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KAPITEL EINS

Manuel

Meinen Sohn hätte ich mir anders vorgestellt. Ich blickte manchmal vom Bildschirm auf und tat so, als würde ich nachdenken. Eigentlich beobachtete ich aber Manuel – nämlich dabei, wie er sich unbeobachtet fühlte, und er sah gar nicht souverän dabei aus. Ich hielt es offen gestanden für eine Zumutung, dass er Manuel hieß, eine Zumutung ihm und mir gegenüber. Warum hatte man mich nicht gefragt? Ich hätte Manuel nicht zugelassen, ich hätte Manuel verhindert, Manuel, den Namen, jedenfalls. Manuel, den Menschen … was soll ich sagen, das war eben höheres Schicksal. Mein Schicksal war regelmäßig eine Spur zu hoch für mich. Okay, wenn es wenigstens jemals oben geblieben wäre. Aber nein, irgendwann kam jedes meiner höheren Schicksale zu mir herunter und sagte »Guten Tag«. In diesem Fall in Form meines vierzehnjährigen Sohnes.

 Der zehnte Tag mit Manuel an meiner Seite verlief unspektakulär, wie beinahe alle Montage in diesem Jahr. Dienstage eigentlich auch. An Mittwochen nahm ich mir oft frei, und der Rest der Woche verging irgendwie automatisch. Die Bedeutung dieses Montags erschloss sich mir erst sehr viel später, und da habe ich durchaus Hochachtung vor meinem dreiundvierzig Jahre alten und von Alkohol empfindlich getrübten Gedächtnis, dass es in der Lage war, im Nachhinein so viele Bilder und O-Töne zusammenzutragen, die meisten von meinem Sohn, der bei mir im Büro saß und Schulaufgaben machte oder zumindest so tat.

»Und, kommst du zurecht?«, fragte ich.

»Warum soll ich nicht zurechtkommen?«

Vielleicht waren alle vierzehnjährigen Vollpubertären mit Graswuchs über der Oberlippe und einer Stimmlage zwischen unsachgemäß bedienter Violine und vergammeltem Bass so abweisend, keine Ahnung, mich nervte es jedenfalls.

»Ich will nicht wissen, warum du nicht zurechtkommen sollst, ich will wissen, ob du zurechtkommst oder nicht«, erwiderte ich.

»Wer hat behauptet, dass du wissen willst, warum ich nicht zurechtkommen soll?«, fragte er.

Er fragte es deshalb, weil er wusste, dass ich mich auf so eine stumpfsinnige Diskussion sicher nicht einlassen würde und dass unser Dialog damit beendet war. Eines der Probleme in meiner noch ziemlich neuen Beziehung zu meinem Sohn war nämlich, dass mich Manuel nicht ausstehen konnte. Das erklärte auch all die trüben, leeren und über der Gähngrenze gelangweilten Blicke, mit denen er mich nun schon die zweite Woche bedachte. Sie spiegelten nur wider, was er sah: mich. Hätte er gewusst, dass ich sein Vater war, hätte er mich zwar wahrscheinlich auch nicht gemocht, aber er wäre vielleicht gnädiger zu mir gewesen. Nein, er wusste es nicht. Und ich wusste es offen gestanden auch erst seit wenigen Wochen.

 

Alice

Im Frühsommer hatte mich Alice angerufen und bedauert, dass wir überhaupt keinen Kontakt mehr hatten. Ob wir uns nicht wieder mal treffen wollten, sie hätte jede Menge Neuigkeiten.

Mit Alice hatte ich eigentlich nicht mehr gerechnet. Mit Tanja, mit Kathi, mit Brigitte, vielleicht mit Corinna, ja eventuell sogar mit Sonja, aber nicht mit Alice. Ich hätte auch niemals gedacht, dass es ihr noch in diesem Leben leid tun könnte, keinen Kontakt mehr zu mir zu haben, nach ihrem damaligen Abgang, aber so konnte man sich in den Menschen täuschen, in den Frauen sowieso, da war ich gewissermaßen ein Naturtalent.

»Ja, sicher, treffen wir uns, gerne. Wo?«, fragte ich.

»Am besten bei mir«, sagte sie.

Am besten bei mir. Diese Worte übten eine ziemliche Faszination auf mich aus, und wenn Männer es schaffen, hier nicht in eine ganz bestimmte Richtung zu denken, noch dazu im Frühsommer, in dem sie überdies gerade ungebunden sind, dann herzlichen Glückwunsch. Ich schaffte es jedenfalls nicht.

Um die drei Tage bis zu der Verabredung zu überbrücken, kramte ich die alten Fotos von Alice hervor, von unserem Wochenende in Hamburg, und ich hoffte, dass sie nicht mehr als ein halbes Kilo pro Jahr zugenommen hatte. Mit siebeneinhalb Kilo mehr könnte ich leben.

Wir hatten übrigens nur dieses einzige Hamburg-Wochenende gemeinsam verbracht, denn ich war damals noch mit Gudrun verheiratet gewesen, und Gudrun war im ungefähr siebenten Monat schwanger mit Florentina, was Alice beim Rückflug aus Hamburg zu meinem Leidwesen spitzgekriegt hatte, weil ich immer dann, wenn ich Angst habe, sozusagen ein offenes Buch bin. Und ich habe beträchtliche Flugangst. Ich kann niemandem verübeln, falls er jetzt denkt, dass ich ein Riesenarschloch war oder sogar noch bin, aber es ist eben nicht immer alles so, wie es aussieht, selbst wenn es verdammt danach aussieht. Doch zurück zum Wiedersehen mit Alice.

Eigentlich genügten mir die paar Sekunden an der Türschwelle, um zu erkennen, dass ich mich umsonst rasiert hatte. Ich brauche jetzt also gar nicht groß zu schildern, wie phantastisch man fünfzehn Jahre später noch immer aussehen konnte  und wie gut es einem zu Gesicht stand, wenn man schnurgerade seinen Weg gegangen war, weil das im Fall Alice für mich leider überhaupt keine Rolle mehr spielte, da ich keine Rolle mehr für sie spielte. Sie hatte Medizin fertig studiert und arbeitete bei so was wie Ärzte ohne Grenzen, nur insofern dann doch begrenzt, als die ausschließlich Projekte in Afrika betreuten. Und Alice war gerade auf dem Sprung nach Somalia, wo sie ab September ein halbes Jahr lang einen neuen Stützpunkt aufbauen sollte. Das musste sie ausgerechnet mir, den sie nach einer Wochenend-Affäre vor fünfzehn Jahren zum Teufel geschickt hatte, ganz dringend berichten. Ich wusste nur noch nicht, warum.

»Und, Geri, was machst du so?«, fragte sie.

Das war doppelt beleidigend. Geri hieß, dass ich in ihren Augen für Gerold noch immer nicht reif genug war. Und was machst du so klang ganz danach, dass sie mir nicht zutraute, etwas mehr als nur so zu machen, so ins Blaue, so aus dem Ärmel, so nebenbei. Vermutlich sah man es mir an.

»Ich bin noch immer Journalist, aber nicht mehr bei der Rundschau, sondern bei einer kleineren … äh … Gratiszeitung, die wirst du nicht kennen. Ich betreue dort das Ressort Soziales.«

»Soziales? Das finde ich wunderbar«, sagte sie.

»Ja, wunderbar.«

»Und wo habt ihr eure Redaktion?«, fragte sie.

»In der Neustiftgasse.«

»Und hast du da ein eigenes Büro?«

Ich fand mein Leben ja auch nicht gerade spektakulär, aber eine etwas spannendere Nachfrage zum Thema Fünfzehn Jahre Gerold Plassek hatte ich schon verdient, fand ich.

»Ja, ich hab einen kleinen Büroraum.«

Beides war maßlos übertrieben, sowohl Büro als auch Raum, nur klein war richtig.

»Sehr fein«, sagte sie.

Dann druckste sie ein bisschen herum. Und schließlich erzählte sie mir von ihrem prächtigen Kind, das sie ganz allein großgezogen hatte. Es war ein Bub. Ein bereits großer Bub. Er war vierzehn Jahre alt. Er war ein Musterschüler, ging ins Gymnasium, hatte dort viele, viele, viele, ja unzählige Freunde, die dafür sorgten, dass er so fest verwurzelt war, dass er sich praktisch nicht mehr vom Fleck rühren konnte. An ein halbes Jahr Somalia war für ihn nicht im Traum zu denken. Er musste in Wien bleiben. Er konnte bei ihrer Schwester Julia wohnen und war weitgehend versorgt, bis auf …

»Du hast einen vierzehnjährigen Sohn?«, fragte ich.

»Ja, genau.«

»Ich hab eine fünfzehnjährige Tochter.«

»Ja, ich weiß, ich kann rechnen«, sagte sie beziehungsweise fauchte sie wie Leslie, die Siamkatze meiner Exfrau, wenn man ihr zu nahe kam. Ihr Bub war also weitgehend versorgt, fuhr sie fast schon übertrieben freundlich fort, bis auf die Nachmittage, die Zeit zwischen Schule und Julia sozusagen. Ihre Schwester Julia war nämlich Tanz- oder Fitnesstrainerin oder beides, und nachmittags gab sie daheim immer ihre Musikgymnastikstunden. Und da dachte Alice interessanterweise an mich, konkret an mich und meinen Büroraum.

»Manuel kann dort seine Hausaufgaben machen«, sagte sie.

Manuel? Nein, das konnte er nicht. Das ging nicht. Das war unmöglich. Das ließ der Chef nicht zu. Und würde er es zulassen, dann würde ich nicht zulassen, dass er es zuließ. Ich und ein vierzehnjähriger Bub namens Manuel, den ich weder kannte noch kennenlernen wollte, zu zweit in dieser tristen Kammer, das ging einfach nicht. Schon der Gedanke an einen Gedanken daran war denkunmöglich.

»Du hast doch sicher hundert Freunde, warum kommst du da ausgerechnet zu mir?«, fragte ich.

»Ich dachte, du und Manuel, das passt vielleicht.«

»Ich und ein fremder Vierzehnjähriger? Kannst du mir einen einzigen Grund nennen, warum das passen sollte?

»Einen einzigen?«

»Ja, nur einen einzigen«, wiederholte ich.

»Weil du Manuels Vater bist.«

»Was?«

»Weil du Manuels Vater bist.«

»Sag das noch mal.«

»Weil DU Manuels Vater bist.«

Das war tatsächlich ein Grund. Er löste bei mir eine dieser tiefen traumatischen Krisen aus, von denen es heißt, dass man dabei in einen Schockzustand verfällt und die Fakten aus Selbstschutz von sich wegschiebt, bis sie sich irgendwann nicht mehr wegschieben lassen und in die für Katastrophen zuständigen Gehirnzellen einsickern. (Die waren bei mir zum Glück in ständiger Bereitschaft.) Ich saß einige Stunden bei Alice, und wir tranken ein Glas Cognac – also es waren ein Glas und eine halbe Flasche, und Alice mochte keinen Cognac. Sie saß kerzengerade auf der Sofakante und erklärte mir ausführlich, warum es besser war, dass sie mir meinen Sohn vierzehn Jahre lang verschwiegen hatte. Aber man konnte es auch auf eine kurze Formel bringen: Sie und Manuel hatten von mir als Vater eben in jeder Hinsicht nichts beziehungsweise in keiner Hinsicht irgendetwas zu erwarten gehabt. Das machte mich gleichzeitig wütend und traurig. Wütend deshalb, weil man sich so etwas nicht unbedingt sagen lassen musste als frischgebackener Vater. Und traurig deshalb, weil es wahrscheinlich stimmte. Diesmal erwarteten sie aber etwas von mir, und da schaffte ich es einfach nicht, nein zu sagen. Es ging aber ohnehin nur um zwei, drei Stunden pro Tag, und das über lächerliche zwanzig Wochen. Und ich war ja auch irgendwie neugierig auf meinen Sohn.

»Weiß er, dass ich sein Vater bin?«, fragte ich.

»Noch nicht.«

»Mir wäre es nämlich lieber …«

»Ja, das dachte ich mir«, sagte sie.

Sie hatte ihren Sohn bereits auf einen »guten Freund aus alten Zeiten« vorbereitet.

»Sehr gut«, sagte ich.

 

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