Fragen

Im November haben wir Sie dazu aufgerufen, Ihre Fragen an Daniel Glattauer einzuschicken. Die Antworten können Sie nun hier lesen:

Fragen an Daniel Glattauer

Frage 1

Heidi Scherngell: Wird schon am nächsten Buch geschrieben? Kann es kaum erwarten …

Liebe Heidi,
da muss ich Sie um etwas Geduld bitten. Ich bin mit dem Kopf noch immer bei „Geschenkt“, weil die Phase noch nicht zu Ende ist, in der ich damit an die Öffentlichkeit gehe und es dem Publikum präsentiere, das nimmt viel Zeit und Energie in Anspruch. Nächstes Jahr hab ich dann den Kopf frei für neue Projekte.

 

Frage 2

Maria Peralta Heisecke: What is the story behind your novel „Porque sí“ (Punto de Lectura)? Why is so different from the others?

Herbert Tremmel: Lieber Daniel Glattauer, Ich habe vor vielen Jahren Ihr Buch „Darum“ gelesen und war, obwohl mir die Geschichte an sich nicht wirklich gefallen hat, vom Schreibstil begeistert. Ich habe die Art der Formulierungen genossen und manche Sätze immer wieder gelesen um dahinter zu kommen, woran es liegt. Wegen „Darum“ habe ich dann auch „Gut gegen Nordwind“ gelesen, und dieses Buch habe ich rundum geliebt. Danke! Was ist für Sie das Besondere an „Darum“?

Liebe Maria, lieber Herbert,
mein Roman „Darum“ fällt tatsächlich aus der Reihe, weil er mein abgründigster ist und weil selbst der Humor darin nie spaßig sondern sarkastisch zu verstehen ist. Das „Besondere“ daran ist für mich also der lakonische Ton, in dem die Geschichte erzählt wird.

Ich habe als langjähriger Gerichtsreporter in Österreich auch viel Furchtbares gesehen, und dahinter stehen immer Menschen, die es begangen haben, denen man das „Böse“ aber oft überhaupt nicht ansieht, weil es eben nicht Teil ihrer Person ist, sondern sich aus ihrem Scheitern entwickelt hat. Die Idee, wie das wäre, wenn ein allseits als liebenswert geschätzter Mensch plötzlich eine schlimme Tat begeht, kommt also direkt aus meinen Prozessbeobachtungen – und hat mich auf den Romanstoff gebracht. Es geht um den Tausch der Rollen zwischen gut und böse.

 

Frage 3

DorisWorld: Sie spielen im Buch „Ewig Dein“ mit Urängsten von Einsamkeit aber auch Missbrauch von zu viel Nähe. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen? Gab es da einen konkreten Anlass?

Liebe Doris,
auch diesen Stoff habe ich mir aus dem Gerichtssaal geholt. Ich habe als Journalist einige Prozesse zum Thema „Stalking“ erlebt, immer begleitet von beklemmenden Gefühlen. Eine Szene habe ich noch vor mir: Angeklagt war ein  gut situierter, galanter, höflicher und eloquenter Geschäftsmann, der an sich einen guten Eindruck auf alle Anwesenden machte. Und dann kam seine Exfreundin in den Raum und schüttelte sich vor Angstattacken, als sie ihn sah. Der Mann hat über viele Monate psychischen Druck auf sie ausgeübt, indem er nicht bereit war, aus ihrem Leben zu verschwinden, sondern im Gegenteil dafür sorgte, dass sie stündlich an ihn dachte.

Diesen subtilen Horror von „zu viel Nähe“ wollte ich in meinem Roman aus der Sicht des Opfers nachvollziehbar machen.

 

Frage 4

Simone Quantmeyer de Polack: Sehr geehrter Herr Glattauer, Sie haben in den vergangenen Jahren sehr vielen Lesungen gehalten, deshalb würde ich gerne wissen, wie hält man eine gute Lesung?

Liebe Simone,
was eine gute Lesung ist, entscheidet letztlich ganz allein das Publikum. Es geht mir also darum, den Ansprüchen der Zuhörer und Zuhörerinnen gerecht zu werden und die Leute ja nicht zu langweilen. Das muss man einfach ins Gefühl bekommen. Ich bemühe mich: gut und pointiert zu lesen, die Fragen so zu beantworten, dass da auch wirklich etwas rüberkommt, und selber Spaß zu haben, dann stecke ich auch meistens mein Publikum damit an. Ich möchte denen, die da extra wegen mir kommen, immer auch mitteilen, wie sehr ich sie schätze und wie ich mich freue, dass sie mich und meine Bücher so annehmen. Und noch was: Ich bemühe mich, echt und ehrlich zu sein, und niemandem etwas vorzumachen.

 

Frage 5

Riki Ralis: ist in den Büchern auch autobiographisches Gut eingearbeitet?

Liebe Riki,
in jedem Buch von jedem Autor und jeder Autorin ist Autobiographisches eingearbeitet. Und damit meine ich: (Auch) ich schreibe, wie ich denke und fühle. Meine Bücher sind: ich.

Das heißt aber nicht, dass ich ident oder auch nur eng verwandt mit den Figuren bin, in denen die Leser vermeintlich den Autor zu erkennen glauben. Meine Männer-Hauptfiguren Leo Leike, Jan Haigerer, Hannes Bergtaler und Gerold Plassek unterscheiden sich allesamt grundlegend von einander und von mir. Ich kann ihnen freilich gelegentlich meine Ansichten und Perspektiven unterjubeln. Und ich kann sie als Sprachrohr für mich selbst einsetzen. Das ist sozusagen meine schriftstellerische Freiheit.

 

Frage 6

Claudia Sevilla Para: cuando la edición en Español?

Liebe Claudia,
ich habe mich gerade bei meinem spanischen Verlag erkundigt. Das Buch „Geschenkt“ wird im Herbst 2015 auf spanisch erscheinen. Ich freue mich schon sehr darauf!

 

Frage 7

Tanja Otto: Wird es eine Buch-Fortsetzung zu Emmi Rothner und Leo Leike geben? Meine 2 absoluten Lieblingsbücher! Danke für die wunderschönen Lesestunden.

Gabi Hei: Hallo Herr Glattauer, wie geht es Emmi und Leo? Ich vermisse sie. Schrecklich sogar. Wie meistern die Beiden ihren Alltag? Gibt es statt Emails nun Zettelbotschaften an Kühlschrank und Badspiegel? Gibt oder gab es inzwischen ein neues „Boston“? Wie meistern die beiden Krisen? Trinkt Emmi immer noch so gern Whisky und verträgt ihn nicht? Herr Glattauer – das kann es nicht gewesen sein! Es ist die schönste Geschichte, die ich je gelesen und in der ich je versunken bin. Bitte entführen Sie uns (zurück) in Emmis und Leos Welt. „Schreiben ist wie Küssen…“ und Lesen ist wie Fühlen. Alles Liebe für immer!

Liebe Tanja, liebe Gabi,
danke für die Komplimente und die Anteilnahme am Leben der Protagonisten meiner Email-Romane! Gegenfrage: Ist es nicht besser, wenn die Zukunft von Emmi Rothner und Leo Leike in unserer Phantasie bleibt? Ich glaube, dass sich die zwei in einer Buchfortsetzung nicht wohl fühlen würden. Sie hätten stets den Verdacht, dass der Autor da noch eins draufsetzen wollte, dass er etwas aus ihnen herausholen wollte, etwas, von dem sie gar nicht mehr bereit waren, es preiszugeben.

Meine Einstellung als Buchschreiber: Man soll einem Erfolg nicht hinterher laufen. Und ich denke, ich würde Emmi und Leo hinterher laufen und nicht mehr wirklich an sie herankommen, wenn ich nochmals über sie schriebe.

 

Frage 8

Carolin Straubinger: Wie kommen Sie zu so einem „intimen“ Insiderwissen über alkoholabhängige Menschen? (Im Roman: „Geschenkt“.) Ich hatte Sie das in Regensburg bereits gefragt, Sie sagten, Sie schauen genau hin… aber man sieht ja nicht in den Kopf hinein, und Geri teilt ja viele Gedanken mit?

Liebe Carolin,
das Alkohol-Thema ist nichts Abstraktes, nichts weit Entferntes. Wir alle kennen Betroffene. Nicht wir alle, aber einige von uns spazieren auf dem Grat zwischen Alkoholkonsum als Freizeit-Vergnüglichkeit und als Abhängigkeit. Ich habe mich damit persönlich und auch in meiner Ausbildung zum psychosozialen Berater beschäftigt. Bei meinem Roman-Protagonisten Gerold Plassek habe ich versucht, den Alkohol aus der Sicht eines gefährdeten Alkoholikers schönzureden und zu bagatellisieren, wie das fast alle Trinker tun.

 

Frage 9

Wie können Sie sich zu so einer umfangreichen Lesetournee motivieren? Sie sagen ja, Sie scheuen eigentlich eher die Öffentlichkeit und das „zur Schau gestellt werden“? Fühlt man sich da nicht wie ein Schauspieler, wenn man jeden Abend dasselbe macht und jeden Abend dieselben Fragen beantworten muss? Wie erleben Sie diesen krassen Unterschied zur „Einsamkeit“ beim Schreiben?

Liebe Carolin,
es ist tatsächlich eine ziemliche Zerreißprobe für mich als Schreiber, dass ich nach der langen, absolut stillen, in die Schreibarbeit versunkenen Zeit dann plötzlich in die Öffentlichkeit hinaustrete und mich Medien, Kritikern und dem Publikum „stelle“.

Ich gebe auch zu, dass mich das vor allem zu Beginn einer Lesereise enorme Überwindung kostet. Ich motiviere mich mit dem jeweiligen Resultat. Im besten Fall (und der tritt zum Glück sehr oft ein) sind am Ende alle glücklich: Der Veranstalter, der Buchhändler, das Publikum und ich – weil der Funke rübergekommen ist. Und bei den immer gleichen Fragen, die ich gestellt bekomme, denke ich: Für denjenigen, der sie stellt, ist es das erste und einzige Mal, und genau so will ich die Fragen dann auch beantworten.

 

Frage 10

Und woher kommt die Initiative zu dieser Frage- und Antwortsession auf Facebook? Ist das eine Vorgabe des Verlages, eine Pflicht für die Promo, oder machen Sie das gerne und ziehen daraus auch Energie und Ideen?

Liebe Carolin,
das waren meine Idee und mein Vorschlag an das Facebook-Team vom Verlag! Ich mache das aus Anerkennung meinen Lesern und Leserinnen gegenüber. Ich finde, sie haben ein Recht zu wissen, wer und was hinter den Büchern steckt und wie sie entstehen. Außerdem schätze ich euch für eure Beiträge in diesem Forum. Ich freu mich einfach, dass ihr euch so sehr für meine Werke interessiert und mir das auch immer wieder, oftmals auf originelle Weise, mitteilt. Und weil ich schon bei Komplimenten bin: Vielen Dank, liebes Facebook-Team, das meine Seite schon seit Jahren so liebevoll betreut! – Da kann ich ruhig auch einmal persönlich Rede und Antwort stehen.

 

Frage 11

Sandra Hlavacek:
Lieber Herr Glattauer, mir hat Ihr neues Buch „Geschenkt“ wirklich sehr gut gefallen, ich mag Ihren Schreibstil und Ihren Humor – aber warum? – um Himmels Willen – dieses abrupte Ende? Hatten Sie von Anfang an geplant, das Buch so zu beenden oder hatten Sie einfach keine Lust/Idee/Zeit …. mehr darüber zu schreiben, wie Manuel auf die „Vaterenthüllung“ reagiert? Ob Gerold vom Alkohol wegkommt? Ob die Liebesbeziehung gut ausgeht? Oder soll es etwa einen zweiten Teil geben?
Vielleicht haben Sie kurz Zeit mir ein kleines Ende zu schreiben! 🙂

 

Liebe Sandra,
das Buch endet mit der Auflösung des Rätsels um die anonymen Geldgeschenke, so hatte ich es von Anfang an geplant. Was Vater-Sohn betrifft, habe ich lange überlegt – und es schließlich für besser befunden, das „Vater-Outing“ sozusagen nur in Aussicht zu stellen, aber nicht auszuführen. Am Ende des Buches, also zu Weihnachten, wäre mir das einfach zu kitschig und aufgesetzt gewesen. Was den Alkohol betrifft, wollte ich mich von der Hauptfigur Geri Plassek mit der Tendenz zur Besserung verabschieden, eine komplette Abstinenz oder „Heilung“ innerhalb weniger Wochen wäre unrealistisch gewesen. Das gleiche gilt für das ungleiche Paar Plassek und Rebecca Linsbach. Hier gab es ständige kleine Annäherungen und schließlich die Hoffnung, beziehungsweise die noch intakte Chance auf das ganze Große einer Liebe. Die zwei innerhalb der Roman-Handlung ein Liebespaar werden zu lassen – das wäre „Hollywood“ gewesen, mir war’s zu wirklichkeitsfern.

 

Frage 12

Johannes Schmittmann: warum haben Sie sich in ihrem Roman „Geschenkt“ für ein offenes Ende entschieden bzw. warum endet er mit einem (letzten) Vollrausch?

Lieber Johannes, das Ende ist nicht offen! Das Rätsel wird auf der allerletzten Seite des Buches gelöst. Meine Bitte an Sie: Lesen Sie die paar letzten Zeilen noch einmal, ganz langsam! Ich wollte das Geheimnis so still und behutsam lüften, wie es zu einem „anonymen Wohltäter“ in meiner Vorstellung passt.

Frage 13

Karin Strobl: Sehr geehrter Herr Glattauer, ich lese gerade ihr Buch „Gut gegen Nordwind / Alle sieben Wellen“, das mich anfangs beim Aufschlagen entsetzt hat ob der sensationell vielen „Betreff“, „AW:“, „RE:“ und ich es der Schenkerin am liebsten gleich wieder in die Hand gedrückt hätte; das mich aber dann nach dem Eintauchen oder Einlassen immer mehr fasziniert hat und ich das Ende eigentlich gar nicht mehr erwarten will, aber dennoch nicht der Versuchung nachgebe, einfach die letzte Seite aufzuschlagen.
Sagen Sie, WIE kommen Sie zu diesem Schreibstil? Ist das eine Art Erfahrungsbericht, also haben Sie das schon einmal selbst so erlebt? Oder entspringt das Ganze ihrer Fantasie? Oder oder oder… Ich gestehe, es ist mein erstes Buch von Ihnen, so dass ich aktuell keinen Vergleich habe. Herzlichen Dank für die Beantwortung!

Liebe Karin, meine Email-Romane sind kein Erfahrungsbericht, sondern ein Einfühlungsversuch, wie alle meine Bücher. Ich bin in die Welt zweier Schreibender eingetaucht, die einander nicht kennen, durch einen Irrtum virtuell „aneinander geraten“ sind und nicht mehr loslassen können. Dass sich hier ein Sog entwickelt, ein Wunsch nach Nähe, Sehnsüchte, Geborgenheit, Vertraulichkeit, Intimität etc. – das konnte ich selbst erst beim Schreiben feststellen. Der Schreibstil ist natürlich von mir, ich habe mich bemüht, ihn gerecht und glaubwürdig auf meine beiden Figuren umzulegen. Und noch was: in diesem Buch steckt eben nicht nur meine Phantasie drinnen, sondern die Phantasie jedes einzelnen, der das Buch liest.

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